Laufen macht glücklich!

Hier geht’s zum Web-Shop!

Willkommen
Zur Person
Theorie
Ausrüstung
Wie fange ich an?
Und danach?
Regeln
Aber...
Marathon
Nordic Walking
Links
Feedback
Forum

Mein erster Marathon

(Rheinenergie-Marathon Bonn am 04.04.2004)

(Streckenplan)

Pünktlich um 6:00 Uhr klingelt der Wecker – aber ich bin bereits seit mindestens einer Stunde hellwach. Meine Nerven liegen schon seit Tagen blank, weil ich so langsam anfange, die Situation wirklich zu verinnerlichen: Vor ziemlich genau zwanzig Jahren war ich zum ersten Mal mit einem Kumpel im Bad Godesberger Kottenforst joggen und habe erstmalig festgestellt, dass Laufen tatsächlich Spaß machen kann. Seitdem träume ich davon, einmal einen Marathon zu laufen.

Ja ja, ich weiß, in der Schule war ich immer die große Sport-Lusche, der Typ, der am Ende immer noch auf der Bank sitzt, wenn die Sportskanonen aus der Klasse sich ihre Fußball- oder Basketballmanschaften zusammenstellen. Aber jetzt, jetzt muss ich nicht mehr, jetzt darf ich und jetzt will ich! Nur bin ich die Sache bisher immer zu hart und zu heftig angegangen, so dass ich ständig mit Schmerzen an Füßen, Schienbeinen und Knien zu tun hatte und das Laufen irgendwann zur Qual wurde. Ich hab’s wieder und wieder versucht, aber immer mit demselben Ergebnis: Aua! Adieu, mein Traum vom Marathon – das wird wohl nichts mit uns beiden.

Dann, vor ziemlich genau zwei Jahren, bringt mich einer auf die Idee, mich vielleicht doch mal ein wenig mit den physiologischen Aspekten des Laufens zu befassen. Aha: Vielleicht sollte ich einfach mit viel mehr Geduld – und sicherheitshalber mit Pulsuhr – an die Sache herangehen. Und siehe da, auf einmal laufe ich schmerzfrei erst dreißig, vierzig, fünfzig Minuten. Dann eine Stunde, eineinhalb, zwei! Wahnsinn – und so langsam bin ich ja gar nicht mehr!

Schon ist er wieder da, mein Traum vom Marathon – aber diesmal nicht als eine vage Idee, sondern ganz konkret, als durchaus realistisches Ziel. Und da ich mittlerweile auch gelernt habe mich in Geduld zu üben, will ich mir zwei Jahre Zeit lassen, um mich genau dahin zu bringen.

Jetzt ist er da, dieser Tag: Zwanzig Jahre davon geträumt, zwei Jahre gezielt darauf hin gearbeitet. Vor wenigen Tagen bin ich vierzig geworden, und da ist mir im Vorfeld schon aufgefallen, dass das eine magische Zahlenkombination ergeben könnte:

Am 04.04.04,
kurz nach meinem 40. Geburtstag,
könnte ich etwas mehr als 40 km
unter 4 Stunden laufen.

Also raus aus dem Bett, eine Tasse Kaffee (ganz ohne geht’s nicht, aber sonst sind’s immer zwei!) und zwei Brötchen reinziehen, waschen, Brustwarzen abkleben, Hintern einschmieren und rein in die Laufklamotten. Beim Anbringen der Startnummer stelle ich – ohne wirklich überrascht zu sein – fest, dass meine Finger zittern. Noch mal kontrollieren, ob ich auch nichts vergessen habe (natürlich muss ich noch dreimal die Treppen rauf und runter, weil ich wohl etwas vergessen habe), rein ins Auto und ab nach Bonn. Die 35 km von Vettelschoß nach Bonn fahre ich unter Missachtung jeglicher Geschwindigkeitsbeschränkung in Rekordzeit. Das muss schon dieses verdammte Adrenalin sein!

Der Parkplatz ist schnell gefunden, und von dem Moment an muss ich mich praktisch um nichts mehr kümmern. Das macht jetzt alles die vorzügliche Veranstaltungsorganisation. Der Bus wartet schon, und während der Fahrt habe ich das Gefühl, der einzige Novize unter lauter „alten Hasen“ zu sein, die ausgiebig über ihre zahlreichen Marathon-Erlebnisse fachsimpeln und zudem auch noch alle im Rudel angereist sind. Ich werde immer kleiner bei der Vorstellung, mit denen mithalten zu wollen.

Nachdem die Klamotten deponiert sind, mache ich mich auf die Suche nach dem Startbereich „Orange“. Aha, in der Bonngasse – war ja gar nicht schwer zu finden. Mist, jetzt fängt das auch noch an zu regnen! Das hat mir gerade noch gefehlt. Also stelle ich mich im Eingangsbereich eines Optikerladens unter, um einigermaßen trocken zu bleiben. Bald stehen noch zwei weitere Läufer bei mir, und wir kommen schnell ins Gespräch. Der eine erzählt uns, dass er zwar aus Bonn stammt, aber in San Francisco lebt und zum Bonn-Marathon immer nach Hause kommt, um seine Mutter zu besuchen. Kurz darauf ist er verschwunden, um sich warm zu laufen. Der andere – auf seiner Startnummer steht „Hans Theo“ – und ich schauen uns ungläubig an: für ´nen Marathon von San Francisco nach Bonn – Wahnsinn!

Wir quatschen noch eine Weile und sind uns einig, dass das Warmlaufen am besten auf den ersten paar Kilometern des Marathons passiert. „Hans Theo“ erzählt mir, dass das heute sein achter Marathon ist und dass er es diesmal etwas ruhiger angehen will, weil er sonst Probleme mit seinem Fuß bekommen könnte. Ich erzähle ihm von den wertvollen Tipps, die man von den Leuten bei drsl bekommt und er fragt mich gleich, ob ich denn auch gestern zum Treffen bei Max war.
„Wie,“ frage ich, „meinst Du Max Ehlers?“
„Ja, genau!“ antwortet er. „Kennst Du den?“
„Klar kenne ich den!“ sage ich, um mich gleich zu korrigieren „Ich meine, virtuell, sozusagen…“

Toll, so klein ist die Welt! Jetzt erfahre ich auch, dass „Hans Theo“ in Wirklichkeit Tobias heißt und die Startnummer von einem verhinderten Bekannten hat. Als er dann auch noch sagt, dass er eine Zeit knapp unter vier Stunden anpeilt, beschließen wir spontan, zusammen zu laufen.

Und dann geht es auch schon los! Bereits wenige Minuten nach dem Startschuss laufen wir durch das Starttor. Da ich im Training immer nur alleine laufe und nicht einmal kleine Laufgruppen gewöhnt bin, ist diese wogende Menschenmenge um mich herum ein überwältigender Eindruck. Zwischendurch mal schnell ein Blick auf meine Pulsuhr, und mir wird klar, warum erfahrene Läufer immer sagen, dass man einen Marathon nicht nach Puls laufen kann: Obwohl ich absolut locker laufe und mich pudelwohl fühle, habe ich bereits jetzt einen Puls um die 160.

So geht es in die Schleife durch Beuel. Ich fühle mich großartig, plaudere locker mit Tobias und amüsiere mich köstlich über die Mitstreiter, die sich bereits kurz nach dem Start scharenweise zum Pinkeln in die Büsche schlagen. Als es über die Kennedybrücke zurück nach Bonn geht, bin ich so richtig gut warmgelaufen und fühle mich noch besser als vorher. In Höhe der Beethovenhalle fordert schließlich auch meine Blase ihren Tribut…

Unsere Kilometerzeiten sind gut, verdammt gut! Ich frage Tobias, ob wir vielleicht besser etwas langsamer laufen sollten, woraufhin er meint, dass ich doch derjenige bin, der immer schneller wird. Verdammtes Adrenalin! Also gut, ein bisschen ruhiger geht’s auch. Am Rheinufer genieße ich das Gefühl, auf meiner lieb gewonnenen Trainingsstrecke zu laufen. Mir fällt auf, dass wir ständig überholen. Oh je, wenn sich das mal später nicht rächt! Aber das Tempo stimmt, wir laufen zwischen 5:20 und 5:45 pro km, je nach Profil. Und wenn man die Trinkpausen an den Verpflegungsständen mit einbezieht, dann brauchen wir dieses Tempo auch.

Jetzt geht’s leicht bergauf Richtung Post-Tower. Wildfremde Menschen sehen unsere Startnummern und feuern uns namentlich an – ein tolles Gefühl! Nur wenn die Leute lauthals „Hans Theo!“ brüllen, muss ich Tobias manchmal leicht anschubsen und sagen: „Hey, die meinen Dich!“

So vergehen die Kilometer wie im Flug, und noch ehe ich es wirklich begreife, sind wir in Mehlem bei km 20 angelangt. Bald darauf ist die Halbmarathon-Markierung in Sicht. Ein Blick auf die Uhr (die Pulswerte versuche ich tunlichst zu ignorieren), Zeitnahme – Super, wir sind bestens im Plan!

Jetzt die leichte Steigung in der Meckenheimer Straße, die Rechtskurve, und dann beginnt mein „Heimspiel“. An der nächsten Ampel steht schon mein Sohn mit seinem Kickboard, fährt eine Weile neben uns her und ruft: „Super, Papa, Du schaffst das!“
Das geht runter wie Öl! Jetzt geht’s nach Lannesdorf. Hier bin ich geboren und aufgewachsen – folglich kennt mich hier so ziemlich jeder. Ich laufe nicht mehr, ich schwebe! Da steht meine Schwägerin, da mein guter alter Patenonkel – und da vorne meine Eltern! Alle jubeln sie mir zu, und mir geht es einfach nur saugut.

Kurz darauf geht’s am Sportpark Pennenfeld vorbei. Hier zeigt sich erstmalig das Wetter von seiner unangenehmen Seite: Gegenwind, und das nicht zu knapp! So zieht es sich nach Bad Godesberg hinein, und die Lannesdorfer Leichtfüßigkeit ist erst mal dahin. Auf der Bonner Straße lässt der Wind ein wenig nach, und ich muss unwillkürlich lächeln. Tobias hat das wohl bemerkt, denn er erzählt mir von einem Plakat, das er mal gesehen hat, und auf dem steht: „Wer jetzt noch lächelt, der hat Reserven!“.
Gefällt mir, der Spruch, und das baut mich gleich wieder auf. So schaffe ich die Strecke bis Friesdorf noch relativ locker. Dort freue ich mich über die ausgelassene Volksfeststimmung, die die Friesdorfer in ihrer unverwechselbaren Art mal wieder großartig rüberbringen.

Nachdem ich auf diese Weise noch ein paar Kilometer durch die Fröhlichkeit des Publikums angetrieben worden bin, merke ich so langsam, dass meine Beine schwer werden – und ich bekomme Durst. Die Strecke bis zur nächsten Verpflegungsstation zieht sich ewig dahin, meine Zunge klebt regelrecht am Gaumen. Tobias versucht mich aufzubauen, indem er immer wieder sagt, dass die nächste Trinkpause bestimmt bald fällig ist, aber es tut sich nichts. Endlich, nach Stunden, wie mir scheint, sehe ich die ersehnten blauen Schilder mit der Aufschrift „Wasser“. Ich trinke gleich zwei Becher und schiebe noch eine Banane hinterher. Gott sei Dank, der Durst lässt jetzt nach, aber meine Beine werden immer schwerer. Erfahrene Läufer sagen, dass der Marathon bei km 30 anfängt – und das trifft bei mir buchstäblich zu.

Kurz hinter der 31-km-Markierung steht ein schmerbäuchiger Typ, Zigarette in der einen Hand, Kölschglas in der anderen und ruft: „Hau rein, nur noch schlappe elf Kilometer!“ Spontan fällt mir eine Zeile von Herbert Grönemeyer ein: „Meine Faust will unbedingt in sein Gesicht – und darf nicht.“

Kessenich, Poppelsdorf: Ich muss mich zu jedem Schritt zwingen. Meine Beine sind wie Blei. Ich sehe immer mehr Teilnehmer, die mit schmerzverzerrten Gesichtern am Straßenrand humpeln. Jetzt schlägt das kleine Teufelchen auf meiner Schulter zu: „Komm, Junge, Du bist über 30 km in einem guten Tempo gelaufen. Da sind doch ganz andere Kaliber dabei, die schon schlapp gemacht haben. Geh den Rest doch im gemütlichen Spaziertempo!“
Aber irgendwie schaffe ich es noch, mir vor Augen zu halten, dass die anderen alle anscheinend Schmerzen und Krämpfe haben, während bei mir einfach nur die Beine zentnerschwer sind. Also: weiter!

Tobias neben mir läuft wie ein Uhrwerk. Da, die Viktoriabrücke. Oh shit, jetzt auch noch bergauf! Na gut, wir laufen die Steigung beide schön langsam hinauf. Keiner überholt uns, alle leiden anscheinend entsetzlich an diesem sonst so lächerlichen Hügelchen. Hinter der Brücke wieder etwas mehr Publikum. Die Leute feuern uns wohl an, aber ich nehme das nicht mehr wahr. Ich konzentriere mich nur noch auf „links, rechts, links, rechts…“ Ich will aussteigen, riskiere einen Blick nach rechts auf Tobias und stelle fest, dass der auch nicht mehr so frisch aussieht, aber unbeirrt weiter läuft. Also beiße ich die Zähne zusammen. Es muss irgendwie gehen.

Jetzt auch noch die Kölnstraße. Die bin ich bisher immer nur mit dem Auto gefahren. Wusste gar nicht, dass es da bergauf geht. Ich bin absolut fertig, und jetzt auch noch das! Das Teufelchen auf meiner Schulter will mir gerade wieder etwas ins Ohr flüstern, kriegt aber von mir dermaßen eins auf die Mütze, dass es runter auf die Straße fällt. Hoffentlich wird es von den nachfolgenden Läufern zertrampelt!

Bei km 37 nehme ich noch mal eine Zwischenzeit und stelle mit Erstaunen fest, dass wir bisher immer noch konstante Kilometerzeiten laufen. Es tut höllisch weh, aber wir halten unser Tempo! Bei km 38 fängt so langsam mein Gehirn an zu arbeiten: „Mann, nur noch 4 km! Die Strecke hüpfst Du normalerweise locker auf einem Bein! Wenn Du jetzt noch aufgibst, hast Du echt ´nen Tritt in den Hintern verdient!“
Das gibt mir wieder Auftrieb. Endlich spüre ich wieder, dass ich es schaffen kann. Ein Endspurt ist zwar sicher nicht mehr drin, aber vielleicht bringe ich das Tempo ja wirklich noch bis ins Ziel. Und wenn’s dann doch mehr als vier Stunden sind – was soll’s? Jedenfalls fällt mir auf, dass wir mittlerweile tatsächlich an einigen der Leute vorbei gelaufen sind, die mir auf der Busfahrt vom Parkplatz zum Startbereich so sehr imponiert haben.

Bei km 39 drehe ich mich zu Tobias um und sage: „Hör mal, wenn Du jetzt zum Schluss noch ein bisschen Gas geben willst, dann lauf los. Wir sehen uns nachher.“
Der schüttelt energisch den Kopf und antwortet: „Wir wollten zusammen laufen, jetzt laufen wir auch zusammen ins Ziel!“
Danke, Mann, das werde ich Dir nie vergessen!!!

Anscheinend wirke ich bei all der Schinderei äußerlich noch etwas fitter als die anderen Läufer um mich herum, denn kurz hinter km 41 ruft mir jemand zu: „Los, Heinrich, nimm die Jungs mit!“ Trotz aller Qualen müssen Tobias und ich herzlich darüber lachen. Wenn der wüsste…

Da, der Bertha-von-Suttner-Platz! Die Zuschauermenge nimmt jetzt zu, und alle rufen nur noch „Los, gleich habt Ihr’s geschafft!“ Meine Beine sind plötzlich wieder viel leichter. Ich kann schon den Sprecher am Ziel hören. Ein Streckenposten ruft einigen Läufern hinter (!) mir zu: „Ihr könnt es noch unter vier Stunden schaffen!“ In der Bonngasse feiern die Zuschauer jeden einzelnen Läufer wie einen Weltrekordler – Wahnsinn! Dann sehe ich endlich das Ziel vor mir. Der Jubel der Menschen auf dem Marktplatz erscheint mir ohrenbetäubend, und in diesem Moment habe ich das Gefühl, sie alle jubeln mir zu. Ich schaue noch einmal nach rechts – wo ist Tobias? Er läuft, wie all die Kilometer davor, direkt neben mir. Und nebeneinander laufen wir beide ins Ziel.

 

Zeitnahme: 3:58:27. Super, auch noch das Zeitziel erreicht! Die offizielle Wertung ergibt 3:58:28 – auch egal! Später wird sie dann noch auf 3:58:23 korrigiert, aber wen interessieren schon Sekunden?

Kleiner Gag am Rande: Obwohl wir gemeinsam durch Start und Ziel gelaufen sind, war Tobias offiziell 10 Sekunden schneller. Ich gönne es ihm von Herzen!

...und wie Sie nicht nur schnell laufen, sondern schnell und günstig im Internet surfen können, erfahren Sie hier!